Q&A: Stephen Philips

Q&A: Stephen Philips

ARUP verrät Design-Details der einzigartigen Installation für das London Design Festival 2018.

Interview mit Stephen Philips, Associate Product Designer der Designagentur Arup.
Geführt von Clare Farrow, Kuratorin der Ausstellung „Memory & Light” von Arvo Pärt und Arup im Norfolk House Music Room, Victoria & Albert Museum, London Design Festival (15. - 23. September 2018).

Präsentiert von Harman Kardon
Unterstützt durch die Marke PERSPEX®, Estonia 100, Hiscox

Was hat Sie gleich zu Beginn an diesem Projekt interessiert?

Zuallererst war das die kreative Auseinandersetzung mit der Musik von Arvo Pärt, die Möglichkeit, diese Musik in ein fassbares Design umzuwandeln.

 

Die Location der Ausstellung, der Music Room im Norfolk House des Victoria & Albert Museum in London, besitzt eine gewisse dramatische Energie, finden Sie nicht auch?

Definitiv! Und sie unterscheidet sich auch sehr von den Standorten unserer vorherigen Projekte. Erst einmal handelt es sich um einen Innenraum, und das V&A Museum ist trotz seiner spannenden Ausstellungen doch ein Ort der Ruhe und Kontemplation. Schon allein die Geschichte des Music Room, der nach dem Abriss des Norfolk House 1938 im Museum originalgetreu wieder aufgebaut wurde, ist erstaunlich. Dieser wunderschöne Raum aus dem Jahr 1756 erinnert mich immer ein bisschen an einen Miniatur-Orchestersaal. Die Proportionen eignen sich hervorragend für das Aufführen von Musik und die Ausstattung ist wirklich faszinierend. Die Materialien und Gegenstände in diesem Raum, der vom Turiner Architekten Giovanni Battista Bora gestaltet wurde, galten schon zur Zeit seiner Entstehung als äußerst luxuriös.

 

Der Raum verfügt außerdem über ein ganz außergewöhnliches Licht.

Ja, im Vergleich zu heutigen Räumen ist er viel dunkler! Im Originalzustand war der Raum sicher aufgrund der transparenten Scheiben etwas heller. Aber so, wie wir den Raum im V&A vorfinden, ist er wirklich ziemlich dunkel, was natürlich zu seiner dramatischen Energie beiträgt. Deshalb konnten wir mit subtilen Lichtfarben experimentieren. Unsere Installation sollte den Raum komplimentieren. Und sie sollte sich auf die Worte von Arvo Pärt beziehen:

 

„Ich könnte meine Musik mit weißem Licht beschreiben, das jede nur mögliche Farbe beinhaltet. Nur ein Prisma kann die Farben brechen und dadurch sichtbar machen. Dieses Prisma könnte der Geist meiner Zuhörer sein.” - Arvo Pärt, Komponist.

Damit hat er eine wirklich schöne Aussage getroffen. Ich interpretiere das so, dass er die Musik beisteuert, aber es liegt am Zuhörer, diese zu interpretieren, so wie es diesem gefällt. Diese Installation verdeutlicht also, wie ich die Musik von Arvo Pärt interpretiere. Daraus versteht sich aber auch, dass andere Designer etwas ganz anderes kreieren würden. Natürlich ergibt sich das Ergebnis auch aus den Materialien, die wir einsetzen sollten, durch die Sponsoren. Dass wir beispielweise PERSPEX® Acrylglas für den Wandschirm und Leder von Poltrona Frau für die Bank verwendet haben. Diese Vorgaben finde ich jedoch sehr hilfreich, sie bilden einen Rahmen für die Installation. Wenn man am Anfang ein völlig weißes Blatt vorfindet, könnte daraus einfach alles entstehen, und die Aufgabe des Designers wäre ungleich schwieriger.

 

Sie erhielten also das Zitat des Komponisten, die Location für die Ausstellung und die Vorgabe, PERSPEX® Acrylglas einzusetzen. Hatten Sie sofort die Idee, in Anlehnung an das Zitat ein Prisma zu erschaffen?

Ja, das war wirklich so. Wir dachten sofort an ein Lichtprisma, und wir stellten uns die Frage, ob wir ein reales Prisma verwenden, in dem wir weißes Licht in die Farben des Regenbogens aufbrechen, oder ob wir den Vorgang an sich mit Hilfe des Wandschirms aus PERSPEX® Acrylglas wiederspiegeln, so wie wir es jetzt umgesetzt haben. Wir haben also über den Köpfen der Besucher um die Bank herum einen Wandschirm aus vielen Farben gestaltet. Dafür haben wir PERSPEX® Acrylglas aus der Kollektion Vario verwendet, das von innen heraus beleuchtet wird. Die Besucher der Ausstellung können den Raum erleben, die Musik von Arvo Pärt hören und mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft ihre eigenen Bilder und Szenen generieren.

Warum haben Sie sich aus den vielen Mustern, die Ihnen PERSPEX® als Sponsor der Ausstellung zugeschickt hatte, ausgerechnet für die Kollektion Vario entschieden?

Das eigentliche Material ist transparent, und nur die farbigen Kanten verleihen der Installation die zeitgemäßen Farben, die ich ausgesucht habe. Ich fand, dadurch wird Arvi Pärts Musik, die sehr subtil und emotional ist, besonders gut repräsentiert. Das transparente Material für den Wandschirm ist einfach perfekt, sehr minimalistisch, so dass es den Besuchern die Betrachtung des Music Room unverstellt ermöglicht.

 

Also können die Besucher durch den Wandschirm hindurch die dekorativen Wände des Raums betrachten?

Ja, und sie können gleichzeitig die subtilen Farben an den Rändern des transparenten Wandschirms wahrnehmen. Daraus ergibt sich eine sehr reduzierte Designsprache, die sich auch bei der Bank wiederfindet: Als wir den Raum das erste Mal besuchten, fragten wir uns, ob wir die Bank so anordnen sollten, dass die Besucher an beiden Enden des Raumes sitzen, nachdenken und der Musik zuhören könnten. Ein Ende der Bank befindet sich auf der Seite der Tür, wo die Zuhörer beispielsweise eines Kammerorchesters sitzen würden, während sich die Musiker auf der gegenüberliegenden Seite nahe dem Kamin aufstellen würden. Die Besucher der Ausstellung können sich somit aussuchen, ob sie die Position der Zuhörer oder der Musiker einnehmen möchten. Das war die ursprüngliche Idee: Man sitzt entfernt von der Quelle der Musik, von den Musikern. Oder aber man sitzt mitten in der Quelle, den Musikern, die ihre Instrumente spielen.

 

Sitzen die Besucher also in der Nähe des Wandschirms, fühlen sie sich, als ob sie von der Musik eingehüllt werden?

Ja, man fühlt sich, als sei man Teil der Musik. Die Musik kommt aus dem Inneren der Bank und aus den Lautsprechern der neuen „Citation”-Serie von Harman Kardon, dem Hauptsponsor der Ausstellung, gleich neben dem Wandschirm. Mit dem Wandschirm um einen herum fühlt es sich an, als sei man von der Musik eingehüllt. Wohingegen ein Platz am anderen Ende der Bank etwas Abstand bedeutet, so dass man sich eher wie ein Zuhörer fühlt. Wir werden sehen, ob das so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben!

 

Indem die Musik durch die Bank und durch den Wandschirm schallt, erfahren die Besucher die Musik von Arvo Pärt auf eine sehr physische Art und Weise?

Ja, genau! Und dabei ist es kein Zufall, dass die Form des Wandschirms mit seinen schmalen, flexiblen Lamellen an ein Instrument erinnert. Form und Farbe der Bank gleichen ein wenig einer Violine oder einem Cello.

 

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Poltrona Frau bei der Auswahl des Leders für die Bank?

Einer der Höhepunkte dieses Projekts war die Zusammenarbeit mit Poltrona Frau, der italienischen Möbelmarke. Die Lederarbeiten des Unternehmens besitzen einen ausgezeichneten Ruf, hier sind wahre Künstler am Werk.

 

Findet sich dieses besondere Augenmerk für das Material in all Ihren Produktdesigns für Arup wieder?

Ja, ich bin der Meinung, man sollte alle Materialien wie eine kostbare Ressource einsetzen. Es geht darum, die besonderen Eigenschaften eines bestimmten Materials hervorzuheben.

 

Mir gefällt die Tatsache, dass die Besucher die Musik auch durch das weiche Leder der Bank wahrnehmen werden. Sie spüren die Struktur des Leders und seinen Geruch, während sie gleichzeitig die Musik fühlen und hören. Somit berühren Sie gleich mehrere Sinne auf einmal.

Definitiv! Zusätzlich haben wir um die Bank herum ein sehr interessantes Material verwendet. Bei der Baltex Spacer Fabric handelt es sich um ein High-Tech Kompositmaterial, das den Klang der Musik durchlässt. Es hat eine Art perforierte Textur und ist sehr leicht, aber trotzdem ist es nicht durchsichtig.

 

Verleiht es dem Raum auch eine gewisse Helligkeit?

Ja, vor allem in der Farbe Weiß, die wir hier eingesetzt haben und die übrigens hervorragend zum Norfolk House Music Room passt.

 

Bei der Bank handelt es sich also um das Zusammenspiel dieses modernen, innovativen Materials mit der traditionellen Handwerkskunst von Poltrona Frau?

Wir gehen davon aus, dass diese Kombination aus neu und alt hervorragend funktioniert.

 

Was können Sie uns zur Beleuchtung des Raums erzählen? Die Leuchtprodukte der Firma ENTTEC befinden sich im Inneren des Wandschirms.

Im Grunde genommen befestigen wir LED Leuchtstreifen unterhalb jeder der Lamellen aus PERSPEX® Acrylglas, aus denen sich der Wandschirm zusammensetzt. Diese Streifen befinden sich im Sockel des Schirms und sind somit nicht zu sehen. Aber sie verleihen jeder der Lamellen ein attraktives Akzentlicht. Das hebt die jeweilige Farbe der Lamellen hervor und nimmt dadurch Bezug auf das Zitat von Arvo Pärt zu seiner Musik.

 

Bleibt das Licht immer gleich oder verändert es sich?

Ich denke, wir arbeiten mit sich verändernden Farben. Ausgehend von der dunklen Ausgangssituation des Raumes erleben die Besucher die besondere Atmosphäre des Ortes so noch viel intensiver. Wir werden sehen! Der Wandschirm ist definitive ein Hingucker, aber er wirkt dennoch dezent.

 

Die Besucher können sich auf der Bank so weit zurücklehnen, dass sie die dekorative Deckenbemalung mit den Motiven verschiedener Musikinstrumenten sehen?

Wir haben an einem Ende der Bank ein Lederkissen als Kopfstütze eingeplant, so dass die Besucher sich zurücklehnen und die Musik und die Bemalung der Decke genießen können.

 

Lässt das Material des Wandschirms Reflektionen zu?

Ja, es handelt sich um ein stark reflektierendes Material. Dadurch passt es sehr gut zu den Spiegeln im Raum, und es entstehen in ihnen interessante, funkelnde Ansichten des Norfolk House Music Room. Interessant sind auch die kleinen künstlichen Kerzen im Raum, die kein wirkliches Kerzenlicht erzeugen, aber die verschiedenen Reflektionen noch verstärken werden.

 

Ich erinnere mich, dass Charles Woolff von Talbot Designs, dem Verarbeiter des Wandschirms, ein farbiges PERSPEX® Acrylglas Muster über eines dieser Lichter hielt und die farbige Kante des Materials wunderschön zur Geltung kam. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie das ursprüngliche Kerzenlicht des Raums das Material zum Leben erweckt hätte.

Und der Wandschirm würde wie gesagt faszinierende Reflektionen beisteuern.

 

Inwieweit haben die Erfahrung und das Knowhow von Talbot Design zur Gestaltung des Wandschirms beigetragen?

Immer wenn der Verarbeiter bereits in der Entwicklungsphase involviert wird, können sich kleine Änderungen ergeben. Aber ich denke doch, die fertige Installation entspricht unserer ursprünglichen Projektidee. Beide Seiten arbeiten gewissenhaft daran, dass das so ist. Auch wenn der Schirm in drei Einzelteilen geliefert und installiert wird, gestalten wir sie so, dass sie weitestgehend nahtlos zusammengesetzt werden kann. Und auch die LED Leuchtstreifen werden gut verborgen.

Ich freue mich, dass das erste Musikstück, das wir in der Ausstellung spielen, das Werk „Spiegel im Spiegel” von Arvo Pärt ist. Es stellt eine Verbindung zwischen dem Wandschirm und den originalen Spiegeln des Raums her, aber auch zur Musik selbst. Ein veritables Aufeinandertreffen von Musik und Design.

Genau und ich hoffe, die Besucher können Installation und Musik auf ganz individuelle Art und Weise interpretieren. Ich habe natürlich meine eigene Vorstellung davon, wie es interpretiert werden könnte. Aber ich möchte, dass die Zuhörer ihre eigene Vorstellungskraft aufwenden, um zu visualisieren, was ihnen die Musik und auch die Installation bedeutet.

 

Dementsprechend hat sich auch Arvo Pärt geäußert, der möchte, dass seine Worte und seine Musik für sich selbst sprechen und dass die Menschen ihre eigenen Erfahrungen damit machen. Es ist eine schöne Idee, den Besuchern das Zitat, die Musik und das Design vorzugeben, so dass sie sich dann im Music Room auf die Bank setzen und ihren Sinnen und Vorstellungen freien Lauf lassen können.

Ganz genau!

 

Fühlen Sie als Designer eine besondere Verbindung zu einem Komponisten, da Sie beide mit Struktur, Farbe und Raum arbeiten? Fühlen Sie sich auch Künstlern anderer Disziplinen dahingehend verbunden?

Sie haben mich mal gefragt, wann ich zum ersten Mal die Musik von Arvo Pärt entdeckt habe. Ich glaube, ich war sechzehn und mein Bruder spielte Cantus in memoriam Benjamin Britten (1977), eine der bekanntesten Kompositionen Pärts. Die Musik bewegte mich in besonderer Weise, auch, weil sie sich deutlich von anderer zeitgenössischer Musik dieser Periode unterscheidet. Ich finde es sehr schön, dass jemand in unserer heutigen Zeit Musik komponieren kann, die so bewegt und gleichzeitig außerhalb bekannter Musikgenres existiert. Pärts Musik besitzt eine tiefe Schönheit und Tragödie und so frage ich mich, ob der Wandschirm einen hohen Zaun andeutet. Aber ich möchte jeden dazu einladen, die Installation auf sich selbst wirken zu lassen.

 

Ja, Pärts Musik besitzt gleichzeitig Schönheit und Traurigkeit und auch etwas, dass man nicht in Worte fassen kann. Ich glaube aber auch, dass sich die Arbeit von Arup mit den Werken von Pärt mit dem Stichwort Innovation verknüpfen lässt.

Auf jeden Fall, das ist ein schöner Gedanke. Ich nenne Ihnen noch einen anderen Grund, warum wir bei Arup dieses Projekt unterstützen. Es bietet uns die Gelegenheit, den Zeitgeist zu erforschen, die momentanen Strömungen im Bereich Design. Deshalb sind Events wie das London Design Festival und die Biennale von Venedig so wichtig. Sie geben Designern die Möglichkeit zu erforschen, wie die Menschen zu genau dieser Zeit gerade denken. Und genau diese Erfahrung übertragen die Designer dann in eine Installation. Ich glaube auch, dass diese Installation sehr viel mit dem Norfolk House Music Room selbst zu tun hat. Sie reflektiert die Ausstattung und die Proportionen des Raums und die Geschichte hinter diesem außergewöhnlichen Ort.

 

Und in diesem Sinne handelt es sich um eine Zusammenarbeit auch mit dem Norfolk House Music Room und mit den Erinnerungen, die er in sich trägt.

Und vielleicht entsteht gerade dadurch ein Abbild genau dieses Moments. Wir bei Arup suchen nach bestehenden Gebäuden und Designs, die es gilt zu erhalten und wert zu schätzen. Um die wir uns kümmern sollten, Ich denke, das drückt sich auch in dieser Installation aus. Sie ist die zeitgemäße Antwort auf etwas sehr Bedeutendes, auf ein ganz besonderes Interior Design und auch auf sehr wertvolle Musikstücke.

 

Und vielleicht auch eine Reflektion der Tatsache, dass Innovation nicht ohne Geschichte existieren kann.

Ganz genau! Innovation sollte immer auch eine Antwort auf Geschichte in sich tragen.

© Stephen Philips and Clare Farrow 2018